Wie geht man mit Aggression und Eigensinn bei einer betreuten Person um?

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Die Betreuung eines älteren Menschen basiert auf Geduld, Aufmerksamkeit und Vertrauen. Zum Alltag einer Alltagsbegleiterin oder eines Alltagsbegleiters gehören ruhige Gespräche, gemeinsame Mahlzeiten, kleine Rituale und Momente, in denen deutlich wird, dass die Anwesenheit eines anderen Menschen die betreute Person wirklich unterstützt. Dabei ist nicht nur wichtig, was wir tun, sondern auch, wie wir es tun: der Tonfall, das Tempo, der Respekt vor den Gewohnheiten des Seniors und die Bereitschaft zu erkennen, dass hinter einer Ablehnung häufig ein konkretes Bedürfnis steckt.

Es gibt jedoch Situationen, in denen die betreute Person mehr Zeit, ein stärkeres Gefühl von Selbstbestimmung oder eine ruhigere Einführung in eine bestimmte Tätigkeit benötigt. Vielleicht möchte sie nicht baden, zieht die Hand der Alltagsbegleiterin oder des Alltagsbegleiters weg, möchte nichts essen oder beharrt sehr entschieden auf ihrer Meinung. Es kann auch vorkommen, dass sie schärfer spricht als gewöhnlich, schneller gereizt ist oder ablehnend auf Hilfe reagiert, die sie zuvor ohne größeren Eigensinn angenommen hat.

Solche Reaktionen müssen nicht aus bösem Willen entstehen. Häufig sind sie eine Möglichkeit zu zeigen, dass etwas für den Senior schwierig, unverständlich, unangenehm oder einfach zu schnell ist.

Gerade deshalb ist eine ruhige Kommunikation mit der betreuten Person eines der wichtigsten Werkzeuge in der täglichen Betreuung. Sie hilft dabei, das Verhalten der betreuten Person nicht nur als Hindernis zu sehen, sondern als Information: „Was versucht mir diese Person gerade zu sagen? Was braucht sie? Was kann ich an meiner Vorgehensweise ändern, damit es für sie leichter wird?“

Woher kommen Stimmungsschwankungen bei der betreuten Person?

Stimmungsschwankungen bei einem älteren Menschen können viele Ursachen haben. Manchmal hängen sie mit dem körperlichen Befinden zusammen, manchmal mit Emotionen und manchmal mit einer Erkrankung, die das Gedächtnis, die Orientierung und die Wahrnehmung der Realität beeinflusst.

Die betreute Person kann stärker reagieren, wenn:

  • sie Schmerzen hat,
  • sie müde, hungrig oder durstig ist,
  • sie nicht versteht, was als Nächstes passieren wird,
  • es zu viele Reize in ihrer Umgebung gibt,
  • sie sich bei der Unterstützung mit der Körperpflege unwohl oder beschämt fühlt,
  • sie Angst davor hat, ihre Selbstständigkeit zu verlieren,
  • sie Schwierigkeiten mit dem Gedächtnis oder der Orientierung hat,
  • sie schlecht geschlafen hat,
  • sie mehr Zeit braucht, um eine Entscheidung zu treffen.

Es lohnt sich, solche Reaktionen als Information zu betrachten. Die betreute Person sagt vielleicht nicht direkt: „Ich habe Angst“, „Ich habe Schmerzen“ oder „Ich brauche einen Moment“. Stattdessen kann sie etwas ablehnen, die Stimme erheben, einen Satz immer wiederholen oder auf ihrer Meinung beharren.

In der Praxis kann Aggression bei Senior:innen daher ein Zeichen von Anspannung, Unwohlsein oder einem Bedürfnis sein, das die betreute Person auf andere Weise nicht ausdrücken kann. Dann lohnt es sich, einen Moment innezuhalten und nach der Ursache zu suchen, anstatt sich ausschließlich auf die Reaktion selbst zu konzentrieren.

Hilfreich kann eine einfache Reihenfolge sein: zuerst für Sicherheit sorgen, dann die Situation ruhig betrachten und erst danach wieder zur eigentlichen Tätigkeit zurückkehren. Diese Denkweise hilft der Alltagsbegleiterin oder dem Alltagsbegleiter, mehr Abstand zu gewinnen, und verringert das Risiko, dass aus dem Gespräch ein Kräftemessen wird.

Schmerzen, Angst und Demenz – worauf sollte man achten?

Wenn sich das Verhalten der betreuten Person plötzlich verändert oder sich in ähnlichen Situationen wiederholt, ist eine aufmerksame Beobachtung besonders wichtig. Eine Alltagsbegleiterin oder ein Alltagsbegleiter muss keine Diagnose stellen, kann aber wahrnehmen, wann der Senior anders als gewöhnlich reagiert, unter welchen Umständen dies geschieht und was ihm hilft, wieder zu einem ruhigeren Kontakt zurückzufinden.

Besonders aufmerksam sollte man Situationen beobachten, in denen stärkere Anspannung nach Berührungen, beim Aufstehen, bei einem Positionswechsel, während der Mahlzeiten, am Abend oder bei der Unterstützung mit der Körperpflege auftritt. Wenn die betreute Person plötzlich eine Tätigkeit ablehnt, die sie zuvor akzeptiert hat, kann dies bedeuten, dass sich etwas verändert hat: Schmerzen, stärkere Müdigkeit, Schwindel, Angst vor einem Sturz oder ein Gefühl von Scham oder Unbehagen können eine Rolle spielen.

Menschen mit Demenz können Alltagssituationen anders wahrnehmen als gesunde Menschen. Die betreute Person erinnert sich vielleicht nicht daran, wer die Alltagsbegleiterin oder der Alltagsbegleiter ist, versteht nicht, warum sie sich umziehen soll, oder fühlt sich bei Tätigkeiten unsicher, die früher selbstverständlich waren. Sie kann auch mit Angst auf Eile, unangekündigte Berührungen, unbekannte Begriffe, zu viele Informationen oder zu viele Menschen in einem Raum reagieren.

In einer solchen Situation funktioniert eine einfache, ruhige Mitteilung meist besser als eine lange Erklärung.

Statt: „Ich habe doch schon gesagt, dass wir uns jetzt waschen.“
Besser: „Frau Anna, ich helfe Ihnen, Hände und Gesicht frisch zu machen. Dann fühlen Sie sich wohler.“

Statt: „Sie müssen aufstehen, weil Sie frühstücken müssen.“
Besser: „Wir setzen uns langsam an die Bettkante. Danach schauen wir, ob Sie Lust auf einen Tee haben.“

Eine kurze Information, ein sanfter Ton und kein Zeitdruck helfen oft mehr als Überreden, weil sie die Anspannung reduzieren und es der betreuten Person erleichtern, zu verstehen, was gerade passiert.

Beispiel aus dem Betreuungsalltag: Ablehnung des Badens

Frau Zofia betreut eine Seniorin, die seit einigen Tagen nicht baden möchte. Jedes Mal, wenn die Alltagsbegleiterin sagt: „Jetzt gehen wir ins Badezimmer“, antwortet die betreute Person entschieden: „Nein, ich möchte nicht, lassen Sie mich bitte in Ruhe.“ Zunächst wirkt das wie einfache Sturheit, doch bei ruhiger Beobachtung zeigt sich, dass die Situation vor allem am Abend auftritt, wenn die Seniorin bereits müde ist und ihr das Badezimmer kühl erscheint.

In einer solchen Situation kann man nicht das Ziel, sondern die Vorgehensweise verändern. Statt ein vollständiges Bad vorzuschlagen, kann die Alltagsbegleiterin eine kürzere Körperpflege am Waschbecken anbieten, ein warmes Handtuch vorbereiten, das Badezimmer vorher erwärmen und sagen: „Heute machen wir nur Hände, Gesicht und Hals frisch. Es geht schnell und ganz in Ruhe.“ Wenn die betreute Person spürt, dass sie Einfluss hat und nicht gedrängt wird, fällt es ihr leichter, die Hilfe anzunehmen.

Dieses Beispiel zeigt, dass herausforderndes Verhalten häufig sehr praktische Ursachen hat. Manchmal geht es nicht um das Baden selbst, die Mahlzeit oder das Umziehen, sondern um Kälte, Müdigkeit, ein Gefühl von Scham, Schmerzen, fehlende Selbstbestimmung oder ein zu schnelles Vorgehen.

Techniken der deeskalierenden Kommunikation

Deeskalierende Kommunikation ist eine Form des Gesprächs, die hilft, Anspannung zu reduzieren und wieder zu einem ruhigeren Kontakt zurückzufinden. Es geht nicht darum, ein Gespräch mit der betreuten Person zu „gewinnen“, sondern ihr zu helfen, sich sicherer zu fühlen. In der Praxis beginnt Deeskalation häufig mit sehr einfachen Dingen: einer ruhigen Stimme, einem Schritt Abstand, einer kürzeren Mitteilung und etwas Zeit für die Reaktion des Seniors.

  • Kurz und ruhig sprechen

Der Tonfall spielt eine große Rolle. Die betreute Person versteht möglicherweise nicht jedes Wort, nimmt aber meist Eile, Nervosität oder Druck wahr. Hilfreich sind kurze Aussagen: „Ich bin bei Ihnen“, „Wir machen das ganz langsam“, „Zuerst setzen wir uns hin, dann schauen wir weiter“. Es kann auch helfen, etwas langsamer als gewöhnlich zu sprechen und nach jedem Satz eine Pause zu machen, damit die betreute Person Zeit zum Antworten hat.

  • Ankündigen, bevor Sie etwas tun

Viele Spannungen entstehen, wenn der Senior nicht weiß, was gleich passieren wird. Bevor die Alltagsbegleiterin oder der Alltagsbegleiter die Hand berührt, Kleidung richtet, die Bettdecke zurückschlägt oder beim Aufstehen hilft, lohnt es sich zu sagen: „Jetzt gebe ich Ihnen meine Hand“, „Ich richte Ihr Kissen“, „Ich decke nur kurz Ihre Beine auf und decke Sie gleich wieder zu“. Solche kurzen Ankündigungen erhöhen das Sicherheitsgefühl.

  • Eine einfache Wahlmöglichkeit geben

Eigensinn entsteht oft dann, wenn der Senior das Gefühl hat, den Einfluss auf seinen Alltag zu verlieren. Selbst eine kleine Wahl kann ihm das Gefühl von Selbstbestimmung zurückgeben. Man kann fragen: „Möchten Sie den Tee jetzt oder nach einer kurzen Pause?“, „Möchten Sie den blauen oder den grauen Pullover anziehen?“, „Waschen wir zuerst die Hände oder das Gesicht?“ Am besten bietet man zwei Möglichkeiten an, da zu viele Optionen anstrengend sein und die Entscheidung erschweren können.

  • Eine Pause machen, statt Druck auszuüben

Wenn die betreute Person für eine bestimmte Tätigkeit noch nicht bereit ist und die Situation nicht dringend ist, lohnt es sich, nach einigen Minuten darauf zurückzukommen. Man kann sagen: „Gut, wir machen eine kurze Pause“ oder „Wir versuchen es gleich noch einmal“. Eine kurze Pause ist häufig wirksamer als weitere Argumente, weil sie den Emotionen Zeit gibt, sich zu beruhigen.

  • Emotionen benennen, ohne zu bewerten

Manchmal hilft es, einfach wahrzunehmen, was die betreute Person möglicherweise empfindet: „Ich sehe, dass Ihnen das wichtig ist“, „Ich verstehe, dass Sie einen Moment brauchen“, „Das kann für Sie unangenehm sein“. Solche Aussagen bewerten das Verhalten nicht und helfen dabei, wieder einen ruhigeren Kontakt herzustellen.

  • Auf die Umgebung achten

Auch die Umgebung beeinflusst das Wohlbefinden eines Seniors. Ein lauter Fernseher, grelles Licht, Hektik, mehrere gleichzeitig sprechende Personen oder eine unbequeme Position können die Anspannung verstärken. Manchmal reicht es, den Fernseher leiser zu stellen, das Kissen zurechtzurücken, das Zimmer zu lüften oder die Zahl der Reize zu reduzieren.

Validation nach Naomi Feil – Emotionen annehmen statt korrigieren

Bei Menschen mit Demenz ist es nicht immer sinnvoll, jede Aussage zu korrigieren. Manchmal ist es besser, auf die Emotion als auf den eigentlichen Inhalt zu reagieren. Dieser Ansatz steht der gerontologischen Validation nach Naomi Feil nahe, bei der es darum geht, das Erleben eines älteren Menschen anzunehmen, seine Emotionen wahrzunehmen und einen ruhigen Kontakt herzustellen, statt ihn sofort zu korrigieren oder mit Fakten zu konfrontieren.

In der Praxis bedeutet das, dass die Alltagsbegleiterin oder der Alltagsbegleiter der betreuten Person nicht sofort beweisen muss, dass sie sich irrt. Stattdessen kann zunächst versucht werden zu verstehen, welche Emotion hinter der Aussage steht: Sehnsucht, Pflichtbewusstsein, Angst, Orientierungslosigkeit oder das Bedürfnis, gebraucht zu werden.

Beispiel:
Die betreute Person sagt: „Ich muss zur Arbeit.“

Statt: „Sie arbeiten doch schon lange nicht mehr.“
Besser: „Ihre Arbeit war Ihnen wichtig. Erzählen Sie mir, was Sie beruflich gemacht haben.“

Eine solche Antwort hilft, den Kontakt ruhig zu halten, nimmt der betreuten Person nicht das Gefühl von Würde und kann dabei helfen, das Gespräch in eine sicherere Richtung zu lenken. Es geht nicht darum, etwas „vorzutäuschen“, sondern auf die Emotion einzugehen, die für den Senior in diesem Moment real ist.

Was sollte man im Gespräch besser vermeiden?

Im Kontakt mit der betreuten Person sind Respekt und Vorhersehbarkeit wichtig, besonders dann, wenn schwierigere Reaktionen auftreten. Auch wenn die Alltagsbegleiterin oder der Alltagsbegleiter weiß, dass eine bestimmte Tätigkeit notwendig ist, kann die Art, wie sie vorgeschlagen wird, darüber entscheiden, ob der Senior sie akzeptiert oder mehr Zeit braucht.

Man sollte vermeiden, mit der betreuten Person wie mit einem Kind zu sprechen, sie zu beschämen, sie unbedingt korrigieren zu wollen, in einem angespannten Moment lange Erklärungen zu geben oder sie davon überzeugen zu wollen, dass sie „nicht recht hat“. Auch Tätigkeiten ohne vorherige Ankündigung, Kommentare über ihre Reaktion in Gegenwart anderer Personen oder Formulierungen wie „Sie müssen“, „Stellen Sie sich nicht so an“ oder „Wie oft soll ich das noch sagen?“ sind nicht hilfreich.

Wenn die betreute Person aufgewühlt ist, helfen lange Erklärungen meist nicht. Besser funktionieren kurze Sätze, ein ruhiger Ton und die Rückkehr zum Gespräch, wenn die Emotionen abgeklungen sind.

Wie kann man das Verhalten der betreuten Person weniger persönlich nehmen?

Das ist eine der wichtigeren Fähigkeiten in der Arbeit einer Alltagsbegleiterin oder eines Alltagsbegleiters. Wenn die betreute Person bestimmter spricht, nicht mitarbeiten möchte oder ablehnend reagiert, kann man sich leicht persönlich getroffen fühlen. Das ist ganz natürlich, besonders wenn man sich wirklich bemüht und helfen möchte.

Es ist jedoch wichtig, daran zu denken, dass viele solcher Reaktionen durch Krankheit, Schmerzen, Angst, Orientierungslosigkeit oder das Bedürfnis nach Selbstständigkeit entstehen. Sie richten sich nicht immer persönlich gegen die Alltagsbegleiterin oder den Alltagsbegleiter, selbst wenn sie in diesem Moment sehr direkt klingen.

Hilfreich kann es sein, sich selbst zu sagen: „Das ist eine Reaktion auf die Situation, nicht auf mich“, „Die betreute Person versteht vielleicht etwas nicht oder hat vor etwas Angst“, „Ich kann eine Pause machen und gleich wiederkommen“. Solche Sätze lösen nicht die gesamte Situation, helfen aber dabei, Abstand zu gewinnen und nicht mit Anspannung auf Anspannung zu reagieren.

Nach einer besonders herausfordernden Situation ist es sinnvoll, sich selbst einen Moment zum Beruhigen zu geben, wenn die Umstände dies zulassen. Manchmal reichen einige tiefere Atemzüge, ein Glas Wasser, das Notieren der wichtigsten Beobachtungen oder ein kurzes Gespräch mit einer anderen an der Betreuung beteiligten Person.

Es lohnt sich festzuhalten, wann die Situation aufgetreten ist, was davor passiert ist, was genau die betreute Person getan oder gesagt hat, was geholfen hat und ob eine ähnliche Reaktion regelmäßig vorkommt. Solche Beobachtungen können die tägliche Betreuung von Senior:innen deutlich erleichtern. Vielleicht möchte die betreute Person morgens häufiger nicht baden, weil sie nach dem Aufwachen mehr Zeit benötigt? Vielleicht reagiert sie nach einer Mahlzeit besser? Vielleicht stört sie der laufende Fernseher im Zimmer? Es lohnt sich, nach solchen Zusammenhängen zu suchen, denn häufig weisen gerade sie auf die besten Lösungen hin.

Eigensinn bei der betreuten Person – praktische Möglichkeiten

Eigensinn ist häufig ein Versuch, Einfluss auf den eigenen Alltag zu behalten. Deshalb funktioniert die Methode der kleinen Schritte oft gut. Es ist nicht immer notwendig, sofort die gesamte Tätigkeit auszuführen. Manchmal reicht es, mit einem einfachen Schritt zu beginnen, den der Senior leichter akzeptieren kann.

Wenn die betreute Person sich nicht waschen möchte, kann man sagen: „Fangen wir nur mit den Händen und dem Gesicht an“ oder „Möchten Sie lieber jetzt oder nach dem Frühstück?“. Man kann auch ein warmes Handtuch vorbereiten, die Körperpflege am Bett anbieten oder sie in kürzere Schritte aufteilen.

Wenn sie nicht essen möchte, kann man anbieten: „Vielleicht ein paar Löffel Suppe?“ oder „Ich stelle den Teller hierhin und wir versuchen es gleich noch einmal“. Manchmal helfen eine kleinere Portion, eine ruhigere Atmosphäre, eine andere Konsistenz der Mahlzeit oder zunächst ein Getränk.

Wenn sie nicht aufstehen möchte, können Worte wie „Wir setzen uns zuerst an die Bettkante“ oder „Wir machen das ganz langsam“ hilfreich sein. Es lohnt sich, der betreuten Person Zeit für den Wechsel von einer Position in die andere zu geben, besonders wenn sie unter Schwindel, Schwäche oder Angst vor einem Sturz leidet.

Wenn sie keine Hilfe beim Anziehen annehmen möchte, kann man eine Wahl anbieten: „Möchten Sie lieber das karierte Hemd oder den dunkelblauen Pullover?“. Eine solche Wahl verändert das Ziel nicht, vermittelt der betreuten Person aber das Gefühl, weiterhin selbst über sich entscheiden zu können.

Ein kleiner Schritt ist häufig leichter anzunehmen als die gesamte Tätigkeit auf einmal. Er gibt der betreuten Person ein Gefühl von Einfluss und hilft der Alltagsbegleiterin oder dem Alltagsbegleiter, die Situation ruhiger und ohne unnötige Anspannung zu gestalten.

Wann sollte man mit dem Arzt über Medikamente sprechen?

Eine Alltagsbegleiterin oder ein Alltagsbegleiter entscheidet nicht über die Behandlung und verändert die Medikamente der betreuten Person nicht. Sie oder er kann jedoch wichtige Signale wahrnehmen und diese an die Familie oder die für den Kontakt mit dem Arzt verantwortliche Person weitergeben.

Eine ärztliche Rücksprache ist sinnvoll, wenn eine Verhaltensänderung plötzlich auftritt, die betreute Person deutlich schläfriger oder unruhiger als gewöhnlich ist, nach der Einnahme von Medikamenten anders reagiert, häufiger Schwindel hat, schlechter schläft, deutlich weniger isst oder trinkt, über Schmerzen klagt, stärker desorientiert ist als gewöhnlich oder Dinge sieht oder hört, die andere nicht wahrnehmen. Auch neue Stürze, Ohnmachtsanfälle, deutliche Schwäche oder eine Verhaltensänderung nach Beginn der Einnahme eines neuen Medikaments können Anlass für ein Gespräch mit dem Arzt sein.

In solchen Situationen kann der Arzt beurteilen, ob eine Änderung der Medikamente, eine Überprüfung der Dosierung, zusätzliche Untersuchungen oder eine andere Form der Unterstützung erforderlich sind. Die Aufgabe der Alltagsbegleiterin oder des Alltagsbegleiters besteht in einer konkreten Beobachtung: Wann tritt das Verhalten auf, wie lange dauert es, was ist davor passiert und was hat geholfen?

Eine hilfreiche Information für den Arzt kann ganz einfach formuliert sein: „Seit drei Tagen ist die betreute Person am Abend unruhiger, möchte ihr Abendessen nicht essen und schläft schlechter. Die Veränderung ist nach Beginn der Einnahme eines neuen Medikaments aufgetreten.“ Eine solche Beschreibung ist hilfreicher als die allgemeine Aussage: „Sie verhält sich anders.“

Auch die Sicherheit der Alltagsbegleitung ist wichtig

Ruhe und Geduld sind sehr wichtig, aber eine Alltagsbegleiterin oder ein Alltagsbegleiter sollte auch an die eigene Sicherheit denken. Wenn die Situation zu intensiv wird, ist es am besten, die Tätigkeit zu unterbrechen, für einen Moment Abstand zu nehmen und zum Gespräch zurückzukehren, sobald dies wieder möglich ist.

Man kann sagen: „Wir machen jetzt eine Pause“, „Ich gehe einen Moment zur Seite und komme gleich wieder“ oder „Wir sprechen gleich in Ruhe weiter“. Es ist nicht notwendig, mit erhobener Stimme zu antworten oder eine Tätigkeit um jeden Preis fortzusetzen.

Wenn eine Situation dringende Unterstützung erfordert, steht die Sicherheit der betreuten Person und der Menschen in ihrer Umgebung an erster Stelle. Anschließend sollten die Familie, der Arzt oder die für die weitere Betreuung verantwortliche Person informiert werden.

Aggression bei Senior:innen, Eigensinn und andere Formen von herausforderndem Verhalten sind häufig eine Möglichkeit, Bedürfnisse mitzuteilen, die die betreute Person nicht anders ausdrücken kann. Die Ursache können Schmerzen, Angst, Demenz, Müdigkeit, Orientierungslosigkeit oder das Bedürfnis sein, die eigene Selbstständigkeit zu bewahren.

Im Betreuungsalltag hilft eine ruhige Kommunikation mit der betreuten Person: ein sanfter Ton, eine einfache Wahlmöglichkeit, eine Pause statt Druck, das Wahrnehmen von Emotionen und eine aufmerksame Beobachtung. Wichtig ist auch, dass die Alltagsbegleiterin oder der Alltagsbegleiter nicht jede Reaktion persönlich nimmt, sondern versucht zu erkennen, welches Bedürfnis hinter dem Verhalten der betreuten Person stehen könnte.

Eine gute Betreuung von Senior:innen bedeutet nicht nur Unterstützung bei alltäglichen Tätigkeiten. Sie bedeutet auch, ruhig reagieren zu können, wenn die betreute Person mehr Zeit, Verständnis und ein stärkeres Gefühl von Sicherheit braucht.